Predigt von Altbischof Dr. Franz Zak beim Requiem von Weihbischof Dr. Alois Stöger  (im Wortlaut)

Liebe hwst. Mitbrüder im Bischofsamt!
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Liebe Trauergemeinde!

Wenn ich jetzt nach der Verkündigung des Wortes Gottes sprechen darf, dann sehe ich den freundlichen, aber kritischen Blick von Bischof Alois auf mich gerichtet und höre ihn fragen: „Willst du nun über mich sprechen oder aber wirst du das Wort Gottes auslegen? Der Fachmann für neutestamentliche Exegese und vorbildliche Verkünder des Evangeliums fordert wohl eine Homilie und keinen Lobeshymnus auf seine Person.
In diese Stunde des Abschieds darf aber auf Grund der tiefen Verbundenheit mit dem Heimgegangenen wohl auch ein ganz persönliches Wort einfließen.

An seinem Primiztag bin ich dem Neupriester Alois Stöger in meinem Leben zum erstenmal begegnet. Ich war damals angehender Seminarist. Wer von uns beiden hätte damals geahnt, wie unsere Lebenswege sich finden und zusammentreffen werden. 1938 war der damalige Domkurat Stöger zum Spritual des Priesterseminars in St. Pölten ernannt und zum Professor für neutestamentliche Exegese bestellt worden. Ich stand gerade im 3. Semester meines Theologiestudiums. Bis zum Abschluß meines Studiums im Jahre 1947, unterbrochen durch fünf Kriegsjahre, war unser lieber Verstorbener also mein Spiritual und Professor... War es Zufall, daß ich mir Dr. Stöger zu meinem Primizprediger erwählt habe? War es nicht Vorsehung, glückliche Vorsehung, daß Kan. Dr. Stöger nach seiner Rückkehr aus Rom, wo er durch sechs Jahre dem Priesterkolleg S. Maria dell’ Anima vorstand, mein Weihbischof, der erste Weihbischof unserer Diözese, geworden ist? Ich bin dankbar dafür, dass ich mich heute zum Sprecher unserer Diözese St. Pölten machen und unserem lieben Weihbischof Alois mit dem mich durch 19 Jahre eine freundschaftliche Zusammenarbeit im Bischöflichen Dienst verbunden hat. Ein letztes Mal unseren herzlichsten Dank, unsere tiefe Verehrung, unsere freundschaftliche Liebe von Klerus und Volk zum Ausdruck bringen darf.
Zu besonderem Dank weiß sich die Diözese verpflichtet für die vielen Priester, die er als Spiritual und Professor auf dem Weg zum Priestertum begleitet hat und für die spirituelle Betreuung der Mitbrüder in ihrem priesterlichen Dienst. Wir werden seine Güte und bewunderungswürdige Menschlichkeit nie vergessen. Seit März 1987 verbrachte unser lieber Verstorbener seinen Lebensabend bei den ehrw. Schwestern in Hainstetten, die ihn aufopferungsvoll umsorgt und betreut haben. Ihnen möchte ich an dieser Stelle meinen besonderen Dank und meine Anerkennung, besonders Sr. Marietta, aussprechen, die bis zu seinem letzten Atemzug an seinem Bette stand.

Doch nun, liebe Trauergemeinde, darf ich versuchen, das Wort Gottes auszulegen, sozusagen für ihn, der zum letztenmal als nun Heimgerufener in unserer Mitte vor dem Altar seine letzte Predigt hält. Der Abschnitt aus dem 12. Kapitel des Lukasevangeliums, den wir vorhin gehört haben, ist fürwahr ein großartiger Text für diese Abschiedspredigt.
Beginnen wir mit dem Gottesbild dieser Perikope. Ein eigenartiges und doch gleich hoch aktuelles Bild für Christus und letztlich für Gott. Der Herr ist verreist, er ist abwesend. Die Zeit verstreicht, er kommt nicht. Es besteht für uns alle die Gefahr, dass wir es machen wie jener Knecht, von dem im unmittelbaren Anschluß an unseren Evangeliumabschnitt gesagt wird, dass er in seinem Herzen spricht: „Mein Herr zögert zu kommen“, und er fängt an, Knechte und Mägde zu schlagen, zu essen und zu trinken und sich zu berauschen (12,45).
Wie lebensnah ist hier geschildert, was die entscheidende Anfechtung für unseren Glauben sein kann. Der abwesende, der verborgene Gott wird zum Nicht-Existenten, wird, wie man heute gern sagt, zum toten Gott. Das aber ist der eigenartige Schwebezustand der pilgernden Kirche und des Christen im irdischen Glaubensschwund: Gott ist gleichsam fern, aber er kommt.

Freilich, Schwestern und Brüder, müssen wir die Grenzen dieses Bildes vom fernen, einmal kommenden Gott sehen. Es gibt eine wahrhaftige, wenn auch verborgene Nähe des Herrn. Im Röm.- Brief heißt es: „Ob wir nun leben oder sterben, wir sind des Herrn“. Wir leben also im Herrn. Nahher werden wir in der Eucharistiefeier sprechen: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Was wir sehend und essend verspüren, ist Brot und – das ist unser tiefer überzeugter Glaube -: wir empfangen unseren Herrn als Speise eines Weges, der zu ihm hinführt. Es ist, als übergebe uns unser tief im Glauben verankerter Bischof Alois als letztes Vermächtnis: Ich wünsche euch einen in allen Anfechtungen unserer Zeit unverrückbaren, ungebrochenen Glauben an den abwesenden und kommenden, an den nahen und fernen Gott. 

Dieser Glaube wirkt sich nun aus: Da ist zunächst das Bild vom wartenden Knecht: „Eure Lenden seien umgürtet, die Lampen brennend, so werdet ihr Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten“ (12,35), so begann das Evangelium. Dieser Knecht ist ganz darauf hingeordnet, beim ersten Klopfen zu öffnen und sofort mit seinem Dienst zu beginnen, ganz gleich, ob der Herr früh, am Abend oder erst spät in der Nacht heimkommt. Die Stunde seines Kommens wird nicht befürchtet, sondern sie wird sehnsüchtig erwartet. Dieses Bild vom Knecht kommt hier an seine Grenze. Das ist nicht mehr die Sprache eines pflichtbewußten Dienstes, das ist die Sprache der Freundschaft, die Sprache der Liebe. Und wir fühlen uns erinnert an die Braut des Hohenliedes, die sich aufmacht und durch alle Straßen eilt, um ihren Bräutigam zu suchen. Das aber ist wahrhaft ein Bild für jeden liebend glaubenden Jünger Christi und erst recht für manche besonderen Berufungen in der Kirche. Der Priester, der am Altar steht und das Geheimnis des Glaubens ausruft, des Glaubens an den in seiner Herrlichkeit wiederkehrenden Christus, der Mönch, der im Morgengrauen im Chor der Brüder betet: Sie stehen im Zeichen des liebenden und wartenden Knechtes. Wie sehr dieses Bild von dem liebenden und treu wartenden Knechts für Bischof Alois gültig ist, das wird jeder bestätigen, der ihn kannte. Und es trifft uns in der Stunde des Abschieds von ihm seine mahnende Bitte, in einer glaubensmüden, glaubensunsicheren Welt auszuschauen nach dem kommenden Herrn in einer tiefen Frömmigkeit und in einer Prägung des ganzen Herzens aus solchem Glauben.

Einen besonderen Zug des wartenden Knechtes wollen wir eigens bedenken. Seine Sorge um die Hausgenossen. Wir hörten auch, das in unserer Perikope: „Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Dienerschaft setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit das Maß ihrer Nahrung gibt? Selig der Knecht, den der Her bei seiner Ankunft so handelnd findet (42-4). Das rechte Warten auf den Herrn ist eben kein verzücktes, träumerisches Hinausschauen zum Fenster, ob der Herr nicht endlich kommt. Es ist nüchterne Arbeit, es ist Sorge für die anvertrauten Hausgenossen. Warten in die Zukunft hinein erweist sich in seiner Echtheit als ein Stehen in der Gegenwart. Das versteht der heutige Christ gut. Und er hat darin recht. Das ist gut biblisch. Nur müssen wir jene liebende, innere, fromme Treue beachten, von der vorher die Rede war, als dem Antrieb für solchen Dienst an den Hausgenossen Gottes.

Wie paßt gerade das auf unseren heimgerufenen Bischof. Er war nie ein lebensfremder oder einseitig frommer Priester und Bischof. Er packte an in allen Phasen seines gesegneten Lebens, wohin er auch gestellt wurde. Wenn er nun in die Ruhe des Herrn eingegangen ist, dann ruft er uns an: Jammert nicht über die schlechten Zeiten und über die Krisen in der Kirche, sondern habt Vertrauen und macht euch ans Werk! Er ruft uns in seiner Abschiedspredigt zum hoffenden und liebenden Glauben an den verborgenen, fernen, fordernden und so großmütigen Herrn, zum treuen Dienst an den suchenden und ringenden Menschen, an den so vielfältig verwirrten Hausgenossen in der Kirche der Gegenwart. Er ermuntert uns: Bleibt treu! Haltet aus wie solche Knechte, die wissen, dass Warten wohl schwer und hart ist, dass der Herr aber kommt, nein, dass er nahe bei uns ist. 
Da ist noch ein Zug in der Bildrede unseres Evangeliums, der eigentlich deutlich den Rahmen des Gleichnisses sprengt. Wir hören: „Selig jene Knechte, die der Herr bei seiner Ankunft wachend findet. Wahrlich, ich sage euch, er wird sich umgürten, sie Platz nehmen lassen und umhergehen und sie bedienen (Vers 37), ein Bild für die sich herabneigende Liebe unseres Gottes in der Menschwerdung und im Sterben seines Sohnes, der Liebe unseres Gottes, der uns in seine ewige, ja göttliche Herrlichkeit hineinhebt und uns wie Freunde behandelt.

Aber, Schwestern und Brüder, steigen wir von dieser Vollendung christlicher Hoffnung, nach der wir in dieser Stunde unsere Glaubenssehnsucht aussprechen wollen, wieder herab in die Mitte der pilgernden Kirche, die Abschied nimmt von einem ihrer treuen Glieder, der eine solch wichtige Aufgabe hatte. Ein Totengottesdienst ist keine Heiligsprechung, sondern das vertrauensvolle Flehen um das Erbarmen Gottes für einen Bruder, der bei all seiner Hingabebereitschaft und Einsatzfreude, bei all seinem guten Willen und all seiner Liebe begrenzt und schwach war wie wir alle. Mit Maria, der Gottesmutter, die er so innig verehrt und geliebt hat, gehen wir ein in die Gedächtnisfeier des Opfersterbens unseres gekreuzigten Herrn und erflehen sein Erbarmen und seine Gnade für unseren Bruder, den Bischof Alois, und, im Sinne des gehörten Goteswortes, für uns alle. Have, pia anima! Lebe wohl du liebe Seele!